Ratgeber / Freistellungen

Wann braucht man keinen ADR-Schein?

Nicht jeder Gefahrguttransport verlangt eine ADR-Schulungsbescheinigung. Unterhalb der 1000-Punkte-Grenze und bei begrenzten Mengen genügt eine Unterweisung — hier steht, wie die Freistellungen nach dem ADR funktionieren und wo ihre Grenzen liegen.

Grundsatz: Wann ist der ADR-Schein Pflicht?

Die ADR-Schulungsbescheinigung ist nicht bei jedem Transport gefährlicher Güter erforderlich. Ihre Pflicht ergibt sich aus Abschnitt 8.2.1 ADR — greift aber nicht, wenn eine Freistellung nach dem ADR einschlägig ist.

Das ADR sieht Erleichterungen für kleine Mengen vor. Bleibt eine Beförderung unter den festgelegten Schwellen, entfällt unter anderem die Pflicht zur ADR-Schulungsbescheinigung. Zwei Freistellungen sind in der Praxis am wichtigsten: die 1000-Punkte-Regel nach Unterabschnitt 1.1.3.6 ADR und die Beförderung in begrenzten Mengen (LQ) nach Kapitel 3.4 ADR.

Die 1000-Punkte-Regel (Unterabschnitt 1.1.3.6 ADR)

Die 1000-Punkte-Regel stellt darauf ab, wie viel Gefahrgut je Beförderungseinheit transportiert wird. Jeder Stoff ist einer Beförderungskategorie zugeordnet; diese steht in Spalte (15) der Tabelle A in Kapitel 3.2 ADR. Zu jeder Kategorie gehört ein Faktor. Die beförderte Nettomenge wird mit dem Faktor multipliziert, und die Summe über alle Güter darf den Wert 1000 nicht überschreiten.

Rechenweg: Menge je Beförderungskategorie × zugehöriger Faktor, dann alle Produkte addieren. Liegt die Summe bei höchstens 1000, ist die Beförderung nach 1.1.3.6 ADR freigestellt — es ist keine ADR-Schulungsbescheinigung nötig.

BeförderungskategorieHöchstmenge je BeförderungseinheitFaktor
00 (keine Freistellung möglich)
12050
23333
310001
4unbegrenzt0

Die Höchstmenge wird je nach Gut als Masse (kg) oder — bei flüssigen Stoffen und Gasen — nach den Vorgaben des Abschnitts 1.1.3.6 bemessen. Gehört ein Stoff der Kategorie 0 an, ist eine Freistellung nach dieser Regel nicht möglich; dann gilt das ADR in vollem Umfang. Für einzelne Güter der Kategorie 1 sieht eine Fußnote zur Tabelle 1.1.3.6.3 ADR abweichend den Faktor 20 vor; im Regelfall gilt für Kategorie 1 der Faktor 50.

Beispiel

Werden 500 kg eines Stoffes der Beförderungskategorie 3 (Faktor 1) und 100 kg eines Stoffes der Kategorie 2 (Faktor 3) in Versandstücken geladen, ergibt sich: 500 × 1 = 500 Punkte plus 100 × 3 = 300 Punkte, zusammen 800 Punkte. Die Summe liegt unter 1000 — die Beförderung ist nach 1.1.3.6 ADR freigestellt, und der Fahrer braucht insoweit keinen ADR-Schein. Voraussetzung ist, dass keine der weiteren Ausnahmen greift (siehe unten).

Begrenzte Mengen (LQ, Kapitel 3.4 ADR)

Ein zweiter Weg ist die Beförderung in begrenzten Mengen, englisch limited quantities (LQ). Dabei werden Güter in kleinen Innenverpackungen zu einer Umverpackung zusammengefasst und mit dem quadratischen LQ-Kennzeichen versehen. Die je Innenverpackung zulässige Höchstmenge steht in Spalte (7a) der Tabelle A in Kapitel 3.2 ADR.

Für Beförderungen in begrenzten Mengen nach Kapitel 3.4 ADR ist ebenfalls keine ADR-Schulungsbescheinigung erforderlich. Die Erleichterung ist eigenständig und unabhängig von der 1000-Punkte-Rechnung.

Was auch ohne ADR-Schein gilt

Freistellung heißt nicht, dass gar keine Regeln gelten. Auch unterhalb der Schwellen bleiben grundlegende Pflichten bestehen:

  • Unterweisung nach Kapitel 1.3 ADR: Personen, deren Tätigkeit die Beförderung gefährlicher Güter betrifft, müssen nach Abschnitt 8.2.3 in Verbindung mit Kapitel 1.3 ADR entsprechend ihrer Verantwortung unterwiesen sein. Diese Unterweisung tritt an die Stelle der ADR-Schulungsbescheinigung.
  • Ordnungsgemäße Verpackung und Kennzeichnung: Die Güter müssen weiterhin richtig verpackt, gekennzeichnet und — bei begrenzten Mengen — mit dem LQ-Zeichen versehen sein.
  • Bei der 1000-Punkte-Regel zusätzlich: Ein Beförderungspapier ist mitzuführen; darin sind je Beförderungskategorie die Gesamtmenge und der berechnete Punktwert anzugeben (Abschnitt 5.4.1 ADR). Außerdem muss die Beförderungseinheit mit einem Feuerlöscher nach Abschnitt 8.1.4 ADR ausgerüstet sein — mindestens 2 kg Pulver für die Brandklassen A, B und C.
Freistellung ist nicht Freizeichnung: Die 1000-Punkte-Regel und die begrenzten Mengen befreien von der ADR-Schulungsbescheinigung, aber nicht von jeder Vorschrift. Prüfe im Einzelfall anhand des ADR und der GGVSEB, welche Pflichten für deine Beförderung bestehen bleiben.

Ausnahme: Tanktransporte immer mit ADR-Schein

Für die Beförderung in Tanks gilt die 1000-Punkte-Freistellung nicht. Die 1000-Punkte-Rechnung betrifft in Versandstücken verpackte Güter. Wer gefährliche Güter in Tankfahrzeugen, Aufsetztanks oder Tankcontainern befördert, braucht stets eine ADR-Schulungsbescheinigung — und dafür zusätzlich den Aufbaukurs Tank. Die Menge spielt hier keine Rolle.

Neben Tanks kennt das ADR weitere Konstellationen, in denen die Freistellung nicht oder nur eingeschränkt gilt — etwa die Beförderung in loser Schüttung sowie besonders geregelte Güter der Klasse 1 (explosive Stoffe) und der Klasse 7 (radioaktive Stoffe). Prüfe daher immer den konkreten Fall anhand von Spalte (15) der Tabelle A und des Wortlauts von 1.1.3.6 ADR. Wer die Freimengen überschreitet oder in Tanks befördert, kommt am ADR-Schein nicht vorbei. Wie du ihn erwirbst, beschreibt der Artikel ADR-Schein machen; welche Themen die Prüfung abdeckt, zeigt die Seite Prüfungsthemen.

Häufige Fragen

Woher weiß ich die Beförderungskategorie eines Stoffes?

Die Beförderungskategorie steht in Spalte (15) der Tabelle A in Kapitel 3.2 ADR, geordnet nach UN-Nummer. Ohne diese Zuordnung lässt sich die 1000-Punkte-Rechnung nicht durchführen.

Ist ein Beförderungspapier auch bei Freistellung nötig?

Bei der Beförderung nach der 1000-Punkte-Regel (1.1.3.6 ADR) ist ein Beförderungspapier mitzuführen; darin sind je Beförderungskategorie die Gesamtmenge und der berechnete Punktwert anzugeben (Abschnitt 5.4.1 ADR). Die Freistellung vom ADR-Schein bedeutet also nicht, dass die Dokumentationspflicht entfällt. Bei begrenzten Mengen (Kapitel 3.4 ADR) ist dagegen regelmäßig kein Beförderungspapier erforderlich.

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